Von Mönchen und Kosaren





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Von Mönchen und Kosaren

Von Mönchen und Kosaren in der Bretagne.


Von Mönchen und Korsaren Donnerstag, 23. Oktober 2008

Wir wenden uns nach Norden einem Reiseziel zu, wegen dem ich schon vor fünfzehn Jahren eine Frankreichreise gebucht hatte, die dann vom Reisebüro storniert wurde, weil man sie nicht gut verkaufen konnte – Paris war nicht mit dabei. Es ist eine ganz schöne Strecke zu bewältigen und wir halten unterwegs in Fougeres, einer kleineren Stadt mit einer gewaltigen Festungsanlage. Hier gibt es ein Toilettenevent für die Herren, die zu ihrer Verwunderung feststellen müssen, dass die bewussten Gelegenheiten wie zu römischen Zeiten zur Unterhaltung einladen, indem man die trennenden Wände einfach weggelassen hat.
Aber dann taucht er irgendwann in der Ebene auf, der Klosterberg Mont Saint Michel, der viertwichtigste Pilgerort nach Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela, sagt jedenfalls unser munterer Stadt- und Bergführer. Er sei eine Mischung aus kölschem und bretonischen Jungen und wir könnten zwischen den Vornamen Friedhelm und Errol wählen. Keine Ahnung, was sich seine Eltern dabei gedacht haben. Scheint aber eher sein Selbstbewusstsein gestärkt zu haben.
Der Mont Michel liegt an der gedachten Grenze zwischen der Bretagne und der Normandie und man kann über einen Damm dahingelangen. Als wir ankommen, hat sich das Meer gerade zurückgezogen und vor uns liegt das weite Schwemmland, dass nur durch einen Fluss durchzogen wird, dessen veränderter Lauf dafür verantwortlich ist, dass der Berg mal zur Normandie und mal zur Bretagne gezählt wurde. Die Entstehungslegende erzählt von einem Bischof, dem Heiligen Aubert von Avranche, dem der Erzengel Michael im Traum erscheint und ihn auffordert auf dem Felsen seinen Kult zu zelebrieren. Der Herr scheint für einen gelehrten Mann ungewöhnlich begriffsstutzig gewesen zu sein, denn erst als ihm der Engel ein Loch in seinen Schädel gebohrt hat, bequemt er sich dem Befehl nachzukommen. Bei einer Untersuchung der Überreste dieses widerborstigen Bischofs hat man tatsächlich ein solches Loch gefunden. Es ist etwas desillusionierend, wie aus einem Wunder ein Tumor wird. Die Verweigerung ist nicht ganz nachvollziehbar, denn nachdem man die Reliquien, z. B. ein Stück vom Mantel des Engels, ausgestellt hatte, wurde der Berg durch die herbeiströmenden Pilger ein gutes Geschäft. Das alles begann im 11. Jh. und 1228 war der Bau vollendet. Natürlich weckten diese Reichtümer Begehrlichkeiten und so legten die Erbauer großen Wert auf Wehrhaftigkeit. So ist diese Klosterfeste nie erobert worden. Nur als die Französische Revolution hereinbrach, gelang es durch schon im Vorfeld hereingeschmuggelte Sympathisanten. Sie öffneten die Tore von innen und die Mönche wurden verjagt. Erst um 1960 kamen erneut Benediktiner auf den Berg, die aber bald wieder aufgaben, weil ihnen die Ruhe zu Meditation fehlte. Heute ist eine Bruderschaft des Hl. Jerusalem dort, die auch nicht allzu große Öffentlichkeit mag.

Immer bereit
Immer nach oben
Immer voll
Immer zu sehen
Immer zu hören
Immer im Blick
Die Uneinnehmbarkeit des Klosters ist der Rote Faden, den unser Führer bei der Besichtigungstour spinnt. Nach dem Motto: Also nehmen wir mal an...
Wir „stürmen“ mit ihm los. Wären wir Invasoren, hätten wir es zunächst mit der Bürgerwehr des Ortes zu tun bekommen, die auf der zinnenbewehrten Umfassungsmauer auf uns lauern würden. Wäre der unwahrscheinliche Fall eingetreten, dass wir diese tapferen Mannen überwunden hätten, hätten uns im zweiten Innenhof die Ritter des Königs empfangen. Wären diese geschlagen worden, dann würden uns als dritte Phalanx die Abteisoldaten empfangen haben. Aber nicht nur Menschen, sondern vielmehr Mauern, Treppen, enge Winkel und dicke Tore machen einem das Erobern schwer. Wir werden durch enge Gassen und einen so schmalen Weg geführt, dass man bei letzterem meinen könnte, man bleibt mittendrin stecken. „Friedhelms Schleichpfad“, in Wirklichkeit ein Weg für die Mönche, die den Menschen in der Ortschaft aus dem Weg gehen wollten. Die Pfade und Treppen sind steil und mir geht auch ohne Rüstung und Kriegsgerät die Puste aus. Nebenbei war der Burgberg auch so angelegt, dass er einer 30jährigen Belagerung standgehalten hätte. Wasser scheint es auch in Mengen gegeben zu haben, denn irgendwo unterwegs ragt ein überdimensionaler Wasserhahn aus der Mauer.
Über Jahrhunderte hinweg ist auf dem Mont Michel gebaut worden. Das größte Problem war hier im verstärkten Maße das statische, denn man hatte nur eine relativ kleine Grundfläche zur Verfügung. Dazu kam, dass durch Brände und Einstürze immer neue Lösungen gefunden werden mussten. In der Klosterkirche finden wir im Maßwerk den spätgotischen Flamboyantstil. Im Kreuzgang beeindrucken die versetzten Doppelreihen rote Granitsäulen. Drei große verglaste Türen, die eigentlich zu einem weiteren Bau führen sollten, der niemals errichtet worden ist, ermöglichen einen weiten Blick auf das Meer.
Im Refektorium macht uns der Führer auf eine optische Besonderheit aufmerksam. Steht man an der Tür, so sieht man rechts und links die geschlossene Säulenreihe und man fragt sich, warum der Raum trotzdem so hell ist. Tritt man hinein, öffnen sich die Reihen dem Blick und man sieht hinter den Säulen lanzettähnliche Fensterchen in die Mauern eingelassen. Als wir in die Küche kommen, ist es durch andere Gruppen so laut, dass ich kaum etwas verstehe. Also bewundere ich den überdimensionalen Kamin und das Kreuzrippengewölbe. Dann weiter in die Krypta. Ihre dicken, hohen Säulen lassen den Raum dunkel erscheinen. Dieses Ambiente würde jedem Horrorfilm zu Ehre gereichen.

So viel
Der Bretone
Feinste Architektur
Aufmerksam
Im Kreuzgang
Nette Zeitgenossen
Aber begraben wurde hier niemand, es fanden auch keine kultischen Handlungen statt, sondern dieser Raum mit seinen machtvollen Ausmaßen dient ausschließlich statischen Zwecken. In der Wandelhalle werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass hier die ersten architektonischen Experimente für die gotische Bauweise in Europa stattfanden. Der „Rittersaal“, der seinen Namen von dem durch Ludwig XI. gegründeten Ritterorden des Hl. Michael hat, diente als Scriptorium. Er ist mit zwei riesigen Kaminen ausgestattet, die nicht die schreibenden Mönche, sondern die kostbaren Bücher gut temperiert halten sollte. Dann noch das gewaltige Rad, das den Mönchen als Lastenheber diente und eine Technik war, die man auch auf zeitgenössischen Abbildungen sehen kann.
Auf dem Weg nach unten machen wir eine kleine Pause und schauen aufs Meer. Das Wasser kommt langsam zurück und Errol oder Friedhelm zückt seine Gezeitentabelle. Also es dauert noch eine Weile, jedenfalls länger als wir zuschauen könnten. Nachdem man in der Neuzeit durch den Gezeitenkoeffizienten das Auf und Ab berechnen kann, sind die Möglichkeiten von Unglücksfällen beschränkt. Trotzdem würde die Zeit, um bei Wattwanderungen ein bestimmtes Ziel zu erreichen, immer noch von Leichtsinnigen unterschätzt. Das liege vor allem an der besonderen Beschaffenheit dieser Landschaft und an dem Umstand, dass es hier den höchsten Gezeitenhub Europas (etwa 15m) gibt.
Unterwegs nach St. Malo, wo wir übernachten werden, fallen die aus grauem Granit erbauten Bauernhäuser auf. Oft haben sie in einem leuchtenden Blau gestrichene Türen und Fensterrahmen. Noch heute schwören bretonische Fischer, dass die „blauen“ Fische die Boote nicht sehen können, wenn der Bootsuntergrund blau gestrichen sei. Den Rest der Farbe verbrauchte man dann am Haus.

Alte Bauten
Sanftes Lächeln
Überall Geschichte
Immer dabei
Die Legende
Wattwandern

In Saint Malo

„Das alte St. Malo ist eine Felseninsel in der Mündung der Rance, eine düstere bretonische Seefestung aus dunklen Steinen.“(Rolf Schneider, Von Paris nach Frankreich) Das ist der erste Eindruck, den die Stadt auch an dem heutigen Tag macht. Dazu kommt, dass das Wetter sich am Nachmittag verschlechtert hat und ein kalter Wind durch die Straßen fegt. Wir aber stampfen unverdrossen unseren Stadtführer hinterher.
Zunächst führt er uns zu dem ältesten Hotel der Stadt und das aus zwei Gründen. Der Vorbau des Hotels ist noch aus Holz und ein Überbleibsel eines verheerenden Brandes Ende des 17. Jh. dem die meisten Häuser zum Opfer fielen. Der zweite Grund ist ein literaturgeschichtlicher, denn hier hat die Wiege des Vicomte Francois Rene de Chateaubriand (1768-1848) gestanden. Er ist der Begründer der französischen Romantik und hat auch ein sehr bewegtes politisches Leben hinter sich. Über der Tür stehen vergoldetes Wappen und Motto des Vaters, - gemäß den Traditionen einer altadligen bretonischen Familie: „Mein Blut hat die Banner Frankreichs gefärbt“. Begraben ist er auf einem vor der Küste liegenden Felseninsel, le Grand-Be, wo man ihm ein von Millet geschaffenes Denkmal setzte. Für einen Romantiker eine passende Stätte, soll sich doch auf diesem Inselchen ein Druidengrab befunden haben. In den letzten 20 Jahren seines Lebens ist Madame Recamier seine treue Freundin, ihr Bild hat uns Jacques- Louis David in klassizistischer Manier überliefert.
Das nächste Besichtigungsziel ist der Turm der Anne de Bretagne (geb.1476), zumindest soll sie dort übernachtet haben. Diese Dame war eine ganz außergewöhnliche Frau in ihrer Zeit, dem ausgehenden 15. Jh. und sie gilt als Schutzpatronin ihres Landes. Da es in der bretonischen Herrscherfamilie möglich ist, dass auch ein Mädchen die Nachfolge antreten kann, wird sie zu einer begehrten Heiratskandidatin im europäischen Politkarussell. So meldet niemand anderes als der Habsburger Kaiser Maximilian I. Interesse an, er hat Glück und die gerade erst 14 Jahre alte Anne wird ihm per Prokuration angetraut. Aber die politischen Zeiten ändern sich und dem französischen König Charles VIII. (der übrigens mit einer Tochter Maximilians schon in gleicher Weise verbandelt wurde) erscheint es notwendig die Bretagne enger an Frankreich zu binden. Hat man doch schon immer wieder versucht, diesen wohlhabenden Landstrich für sich zu annektieren. Anne stimmt dieser Verbindung nach einigem Zögern zu, aber achtet beim Ehevertrag darauf, dass ihre geliebte Bretagne die Souveränität behält. Damit das so bleibt, heiratet sie auch gleich nach dem Tod ihres Ehemannes den nächsten französischen König, Louis XII. Man könnte also sagen, dass sie einmal (fast) Kaiserin und zweimal Königin war. Eine bemerkenswerte Leistung, die vor allem auf ihre herausragende Bildung und einen guten politischen Spürsinn zurückzuführen ist. 1514 stirbt sie. Elf Kinder hat sie in den zwei Ehen geboren, davon sind sechs schon als Kinder gestorben bzw. kamen tot zur Welt. Ihre Tochter Claude wird die Frau Franz I., doch sie hat wenig von ihrer tatkräftigen Mutter geerbt, die Bretagne gerät in das Herrschaftsgebiet Frankreichs.

Aufmerksam
Bretonische Models
Herr Hartmann
Gute Zuhörer
Immer unterwegs
Prachtvolles Wappen
Es geht die nächste Straße etwas bergauf, als wir zum höchsten Punkt der Stadt geführt werden. Dort soll sich die Geschichte der Namensgebung der Stadt abgespielt haben, als ein irischer Mönch namens Mac Law an die bretonische Küste kam um die dort ansässigen Kelten zu missionieren. Wie überhaupt diese Sprache mehr mit dem Walisischen verwandt ist und so gut wie gar nicht mit dem Französischen.
Als wir zu der großen Befestigungsmauer laufen, kommen wir an einem Tor vorbei, hinter dem vor Jahrhunderten einmal die Wachhunde der Stadt eingesperrt waren. Um mögliches Gesindel von vorn herein von der Stadt fernzuhalten, wurde nachts eine Meute hungriger Hunde durch die Straßen geschickt, eine einfallsreiche und obendrein billige Methode für eine „Stadtreinigung“.
Wir stehen auf der breiten Befestigungsmauer, es wird allmählich dunkel und ein scharfer Wind pfeift. Ein Wetter, das dem schiffsfahrenden, rauen Volk nur ein müdes Lächeln gekostet hat. Vor dem Denkmal des Jaques Cartier, der 1534 den Auftrag erhält für Frankreich eine Westpassage zu finden, damit man mit den Spaniern, Portugiesen und Engländern bei der Entdeckung neuer Welten mitziehen kann, bleiben wir stehen. Er gerät etwas zu nördlich und trifft auf den Indianerstamm der Huronen, die ihn freundlich einladen: „Can na da“ heißt auf huronisch „komm in mein Haus“ und das wird durch ein Missverständnis zum Namen eines Landes. Natürlich sucht man Gold, aber hat zunächst kaum Erfolg. So wird kurzerhand ein Indianerjunge nach Frankreich mitgenommen und als Dolmetscher ausgebildet. Wieder zurückgekehrt, nimmt man erst mal Montreal für die französische Krone in Besitz und sucht weiter nach Gold. Schließlich scheint das Glück zu winken. Cartier lädt sein ganzes Schiff voller glitzernder Erzstückchen, die sich aber zu Hause als das sogenannte Katzengold entpuppen. So stirbt er verarmt an der Pest.
Das zweite Denkmal zeigt einen Herrn, dessen Lebensgeschichte jedem Abenteuerroman zur Ehre gereichen würde und der in seinen Handlungen ein wesentlich glücklicheres Händchen gehabt hat, Robert Surcouf (1773 1827). Er war das, wofür das historische St. Malo bis heute steht, ein Korsar. Korsaren waren eigentlich nur Piraten mit der „Lizenz zum Rauben“, die ihnen vom französischen König höchstpersönlich ausgestellt wurde, einen sogenannten Kaperbrief. Surcouf war einer von der besonders verwegenen Sorte und liebte es vor allem auf englische Schiffe Jagd zu machen. Sein Englandhass hatte seine Ursache in einer Verwundung, die er sich bei einem Kampf zugezogen hatte. Mit harter Disziplin, Abenteuerlust und einem gehörigen Schuss Skrupellosigkeit erwarb er sich ein Vermögen, das er wiederum in die Handelsschifffahrt steckte, ich denke, heute würde man das wohl Geldwäsche nennen. Durch seinen Reichtum erwarb er sich auch politischen Einfluss und war Mitverfasser von Friedensverträgen mit England. Aus dieser Zeit ist eine hübsche Anekdote überliefert: Als sich ein englischer Admiral herablassend äußerte, dass er für die Ehre, die Korsaren aber nur für Geld kämpfen würden, soll Surcouf geantwortet haben: „Jeder kämpft für das, was nicht hat“. Die Geschichte kam mir merkwürdig bekannt vor. Und dann erinnerte ich mich, sie in den 60er Jahren in einem Film gesehen zu haben. Heute würde man sagen Mantel - und- Degen – Film. Nun hier kämpfte Surcouf für die Liebe, für die Ehre und fürs Geld, aber bitte in dieser Reihenfolge.
Der Reichtum der Korsaren hat das Stadtbild geprägt, aber die Häuserfronten sind schlicht, fast karg und ähneln sich. Den Besitzstand des Eigentümers kann man merkwürdigerweise an der Höhe der Kamine ablesen, aus dieser Symbolik kann sich jeder selbst einen Reim machen.

Der Atlantik
Auf der Wehrmauer
Sicher festgehalten
In der Bretagne
Robert Surcouf
Große Schornsteine

Giletteessen in Saint Malo

Als es schon fast dunkel ist, machen wir uns auf den Rückweg und zum Abendessen. In einem kleinen Lokal werden Buchweizencrepes serviert mit Schinken, Käse und Ei, sehr schmackhaft und sättigend. Dazu gibt es Cidre. Dieses Getränk scheint die Zungen gelockert zu haben. An den langen Tischen herrschen ein Lärm und eine Enge, dass ich Platzangst bekomme und meine Zimmergenossin und ich machen uns auf den Weg ins Hotel. Es ist Nacht geworden und das Meer nur mehr zu erahnen.


Nett
Neu
Gilette
Interessant
In Saint Malo
Team der Creperie


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