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Gotik, Fachwerk und Ruinen

Gotik, Fachwerk und Ruinen rund um Rouen


Gotik, Fachwerk und Ruinen Freitag, 25, Oktober 2008

Als wir in die Stadt Rouen einfahren, ziehen sich links am Fluss entlang gleich zwei Rummelplätze mit Achterbahnen und rechts erhasche ich einen Blick auf das Denkmal von Pierre Corneille, den berühmten französischen Dramatiker, der 1606 in Rouen geboren wurde. Seine Leistung ist in etwa mit der von Lessing vergleichbar, denn auch er wollte die Bühne national machen und sie von fremden Einflüssen befreien. Es geht also mit einem netten Kontrastprogramm los. Und um das Ganze zu verstärken kurvt unser Bus gleich zweimal die Rue Racine entlang, weil er das Touristenbüro nicht gleich findet. Mein Lexikon spricht bei Jean de Racine gleich mal vom größten französischen Tragiker am Hofe Ludwig des XIV.
Das Büro befindet sich gegenüber der Kathedrale von Rouen. Ein überwältigendes Meer von Spitzen, Fialen, Figuren türmt sich vor uns auf. Auch ein Herr baut sich vor uns auf. Christoph, der die Stadtführung machen wird. Er friert jämmerlich die ganze Zeit, denn es ist zwar sonnig, doch empfindlich kalt. Und es bleibt auch den Vormittag so, so dass man froh ist, die ganze Zeit in Bewegung zu sein.

Unterwegs
Fachkundig
Geteilt
In den Straßen von Rouen
Im Hof des Todes
Frau Schilling

Begonnen wird mit der Kathedrale.

Spätgotischer Flamboyantstil ist typisch für die Normandie und wir finden ihn auch bei anderen Kirchen wieder. Die Fassade hat auch noch mal im 19. Jh. in der Kunst für Furore gesorgt, als Monet sie x-mal malte und damit die impressionistische Malweise dokumentieren wollte, dass das Licht und die Atmosphäre die Farben verändern. Im Inneren des Baus zeigt sich die strenge Dreigliederung des Kirchenschiffes und als Besonderheit die Vierungskuppel, über der der Vierungsturm als eine architektonische Besonderheit aufgesetzt ist. Wir recken unsere Köpfe nach oben und folgen den gebündelten Säulensträngen, die sich in dem Gewölbe verzweigen. Der Blick fällt auf die Glasfenster, die die Zerstörung während des II. Weltkrieges überstanden haben und deren Kobaltblau den Restauratoren bis heute Rätsel über seine Zusammensetzung aufgeben. An der Seite des Chores sind Statuen aufgestellt, die ursprünglich ihren Platz an der Fassade hatten. Ihre Beschädigungen stammen nicht nur aus jüngster Zeit. Schon während der Hugenottenkriege probierte man das Köpfen an Figuren, ehe man zu lebendigen Menschen überging. Es sind vor allem Herzöge der Normandie, z. B. Rolf, ein Wikinger, der sich als erster zum christlichen Glauben bekehrte, Robert, ein Nachkomme Wilhelms des Eroberers und Richard Löwenherz, dessen Herz sich in der Kirche befindet. Richard, der als ein Urbild englischer Könige gilt, war normannischer Abstammung, soll kein Wort englisch gesprochen haben und sowieso ein Franzose gewesen sein. Und damit diese Geschichte gleich ein für alle mal geklärt ist, verkündet Christoph, dass diese Herrschaften eh alle Franzosen sind – bis heute. Was Richard betrifft, lässt sich das nicht bestreiten, zumindest war seine Mutter, Eleonore von Aquitanien, eine Französin, die zu ihrer Zeit eine Dame war, über die ganz Europa sprach – aus vielerlei Gründen.

Im Sucher
Glasfenster
In der Kathedrale
Durchblick
Kathedrale von Rouen
Meißen-Tourist in Rouen

Wir laufen durch Straßen

, die von alten Fachwerkhäusern gesäumt sind, die alle sehr alt wirken, es aber beileibe nicht immer sind, denn Rouen wurde im Krieg stark beschädigt. Christoph erzählt von den hygienischen Verhältnissen in mittelalterlichen Städten und freut sich, als wir durch eine schmale Gasse laufen, dass sie sauber ist. Vor kurzem, so sagt er ärgerlich, sei diese Gasse als öffentliches „Örtchen“ benutzt worden, so dass man an die vorhin erwähnten Zustände erinnert worden sei. Bei einem „echten“ alten Haus, das besonders schön krumm ist, erzählt er, dass die Leute beim Umzug nicht nur das bewegliche Habe mitgenommen hätten, sondern auch die alten Balken, die ihr Haus zusammengehalten hatten, um sie beim Neubau wieder zu verwenden. In der Kirche St. Mac Clou halten wir uns besonders lange auf, so dass ich den Eindruck habe, wir sind nicht nur wegen der Kultur, sondern eher wegen der Kälte hier. Im Innenraum stehen in einer der Nischen, wo ein Nebenaltar aufgebaut ist, barocke Gebetsstühle, deren Aussehen wirklich ihren Namen verdienen. Auf kleinen geschwungenen Beinchen erhebt sich eine lange rot gepolsterte Lehne, an die man sich schön lümmeln kann. Auf diese Weise wird das Gebet recht bequem gewesen sein. Es gibt eine Renaissanceorgel, einen Altar, dessen Steine bei dem Feuer der Luftangriffe geschmolzen sind und die Statue des Heiligen Clarus, der geköpft wurde und deshalb merkwürdigerweise bei Augenkrankheiten angerufen wird.
Wir laufen durch die alten Geschäftsstraßen auf das gotische Rathaus zu, dessen rechter Flügel gerade eingerüstet ist. Der linke ist neogotisch im 19.Jh. dazugekommen. Hier war das ehemalige Parlament der Normandie und nach der Revolution der Justizpalast untergebracht. Der breite Mittelbau vereint Gotisches mit Bauelementen aus der Renaissance. Eine Napoleonstatue hat den letzten Krieg überlebt, weil Hitler ein Verehrer des Korsen war.
Rouen hatte einmal eine große jüdische Gemeinde, man sprach sogar von ihrer „heimlichen Hauptstadt“ in Europa, aber schon unter Philip dem Schönen wurden sie verfolgt und ihre Schriften vernichtet.
An einer Hausecke weist Christoph auf eine Kritzelei hin, die unter einer durchsichtigen Platte kaum zu erkennen ist und die man übersehen würde. „Zerstört von den Befreiern“ steht da und ist ein Zeugnis des Volkszorns über amerikanische Truppen, die etwas zu frei befreit hatten. Das zu zeigen vermeide er bei amerikanischen Touristen, fügt Christoph hinzu.
Das alte Stadttor ist mit einem Astrolabium gekrönt, bei dessen Erklärung wir über die Artikelverwirrung im Deutschen und Französischen aufgeklärt werden. An jedem Tag erscheint ein anderer römischer Gott. Auch „der Sonne“, le soleil, und „die Mond“, la luna. Es gibt auch keine Minutenzeiger, den Glücklichen schlug nur die Stunde.
Dann ist noch ein bisschen Zeit zum Bummeln. Bis jetzt hatte ich mich mit Einkaufen ziemlich zurückgehalten, aber als wir an einer Chocolaterie vorbeikommen, werde ich schwach. Und mit Hilfe einer jungen Verkäuferin stelle ich ein kleines Pralinensortiment zusammen, das zwar seinen Preis hat, aber ihn auch wert ist, wie ich zu Hause erinnerungsselig feststellen kann.

Das Astrolabium
Der Marktplatz
Unterwegs in Rouen
Auf der Hauptstraße
Im Spiegelbild
Ein Verkäufer auf dem Markt

Jungfrau von Orleans

In Rouen wird man überall an die Jungfrau von Orleans erinnert, die in dieser Stadt verbrannt wurde. Da ist ein Gedenkschild, das an der Außenmauer der Kirche befestigt ist, in der ihr das Urteil verkündet wurde und auch wo es ironischerweise wieder aufgehoben wurde, das geschah aber wie immer in solchen Fällen sehr viel später. Wir sehen die Brücke, von der aus ihre Asche verstreut wurde und den Platz, wo einst ihr Scheiterhaufen gelodert hat. Blumen umstanden und mit einem Denkmal aus modernerer Zeit hat dieser Ort jede Furchtbarkeit eingebüßt. Erst 1960 findet die Heiligsprechung der Jungfrau statt. Auf demselben Platz findet sich auch ein moderne Kirche, deren Baukörper eine Mischung aus Fisch und Wikingerschiff ist. Sehr zum Ärger von unserem Stadtführer ist sie geschlossen und er hätte doch so sehr noch eine kleine Aufwärmung vertragen.

Johanna von Orleans
Ort des Verbrennens
In der Kathedrale
Rouen Stadt der Johanna
Heutige Jungfrau in Orleans
Geschichtlicher Ort

Jumieges

Als wir weiterfahren, fängt es wieder an zu nieseln, was traurig ist, denn wir wollen an diesem Tag noch nach Jumiege und zwischen den „schönsten Ruinen Frankreichs“ spazieren gehen. Aber es hört auf, als wir dort eintreffen, wenn es auch kein reines Schlenderwetter ist. Der kleine Ort nutzt seine Sehenswürdigkeit gut aus, denn der Andenkenladen ist ziemlich gut bestückt. Wir laufen durch die imposanten Reste des einstigen Benediktinerklosters. Wenn Casper David Friedrich sie gekannt hätte, würden wohl einige Gemälde mehr von ihm existieren.
Kurz vor unserer Abfahrt decken wir uns noch mit Obst ein und bedauernd lasse ich die riesengroßen Artischockenköpfe liegen, denn sie würden nicht bis zu Hause frisch bleiben.
Müde kehren wir in das Hotel in Honfleur zurück, wo uns ein Abendessen mit Entenbraten und eine lange Nacht bevorstehen, - die Uhren werden von der Sommer- in die Normalzeit umgestellt.


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