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Der letzte Tag

Der letzte Tag unserer Frankreichreise 2008 .


Der letzte Tag Sonntag, 26. 10. 2008

Weil wir eine Stunde zusätzlich gewonnen haben, fahren wir nicht gleich zu unseren letzten Reisezielen los, sondern machen einen Spaziergang durch das sonntägliche Honfleur, einen Küstenort, den Baudelaire „den liebsten seiner Träume“ nannte. Die Glocken läuten, die Straßen sind belebt und einige von uns suchen noch die letzten Andenken zusammen. Es gibt wunderschöne kleine Geschäfte, die ausgestellten Stücke zeugen von teurem Geschmack. Nicht weit vom Hafen steht die alte normannische Holzkirche mit Kastanienholzdachziegeln, die aussieht wie ein umgestülptes Boot, was nicht verwunderlich ist, hat sie doch ein Schiffsbaumeister errichtet.

Andenken
Unsere Busfahrer
der normannischen Holzkirche
Der Glockenturm
der normannischen Holzkirche
Das große Becken
Michaela
Selbstbildnis

Pont de Normandie

Dann geht es Richtung Le Havre. Wir überqueren die Pont de Normandie, eine elegante Stahlbrücke, die imposant die Seine überspannt. Der Fluss verabschiedet uns mit grau-grünem Wasser und kleinen Schaumkämmen. Nur am Horizont, wo er das Meer berührt, zeigt sich ein tiefblauer Streifen.
Als wir in Le Havre einfahren, muss unser Bus einem kleinen Stadtbähnchen hinterher zuckeln und wir können beobachten, wie einige Einwohner den Sonntagvormittag verbringen. In einem Wasserbecken (bei grusligen Temperaturen) üben zwei Taucher unter Wasser zu kommen und etwas weiter spielen einige Leute Wasserball. Wir steigen an der Promenade aus und schließen uns den Spaziergängern an. Kinder lassen am Strand Drachen steigen, ein einsames Segelboot schaukelt auf den Wellen und am Horizont sieht man Hochseeschiffe. Ein friedliches Bild. Auch diese Stadt wurde stark zerstört, so dass die Architektur überwiegend aus der Nachkriegszeit stammt.

Pont de Normandie
Im Bus über die Brücke
Die Seine
Im Spiegelbild
Im Sucher
Gewaltige Brücke

Es ist nur ein kurzer Aufenthalt, denn unser eigentliches Tagesziel, das erste zumindest, ist Etretat.

Etretat wird als mondäner Badeort angepriesen, aber auf der Promenade scheinen sich nur Einheimische und Sonntagsausflügler zu tummeln. Es ist Nachsaison und obendrein ziemlich kühl und windig. Wenigstens regnet es nicht und so versuchen wir einen Spaziergang. Er gerät reichlich rutschig, weil der Strand voller kleiner Steine liegt. Dann beginnt der Automatismus, - wo viele Steine liegen, sucht man natürlich den schönsten, am besten einen mit einem Loch, und tatsächlich, ich habe Glück einen zu finden, wo das Meer seine Durchbruchsarbeit geleistet hat. Wegen dieser Tätigkeit der Naturgewalt besitzt der Ort auch sein auffälligstes Fotomotiv, - die Felsentore, die rechts und links der Bucht ein Stück Meer überbrücken. Wir wenden uns nach rechts, sehen uns die Beute der Angler an, von denen wir glaubten, dass man bei der Brandung gar nichts fangen kann. Dann wieder zurück auf der bequemeren Promenade auf das größere Tor zu, vor dem Surfer unermüdlich mit den Wellen kämpfen. Und wieder Monet, dessen Bild als Reproduktion darauf hinweist, dass auch er von dem Anblick begeistert war. Schon ist die reichliche Stunde herum und der Bus lädt uns wieder ein.

Hochseeangeln
Auf dem Hosenboden
Das Felsentor
Köstlichkeiten
Am Atlantik
In Etretat gefunden

Amiens

Es ist schon weit in den Nachmittag. Im Bus ist es ungewöhnlich still. Draußen fliegt die flache Landschaft vorbei, das eintönige Brummen des Motors macht schläfrig. Munter werde ich erst wieder, als wir in Amiens einfahren. Wir sind in der Picardie. Was nicht etwa das Stammland von Jean-Luc Picard, seines Zeichens Raumschiffkapitän der Enterprise, ist, sondern eine historische Landschaft, die anders als z. B. die Bretagne schon im 13. Jh. ihr selbstständiges Herzogtum verloren hat.
Die Straße, durch die wir einfahren, ist mit aus Ziegelsteinen gebauten Häusern gesäumt, die erstaunlich schmale Türen und Fenster haben, sehr unterschieden von denen, die wir in der Normandie gesehen haben.
Wir sind spät dran und deshalb sollen wir nur sehr schnell unsere Koffer abstellen und sehr schnell zu Stadtführung eilen. Aber der Fahrstuhl, sowieso recht schmal, streikt. Christine und ich sehen, als wir die Treppen herunterlaufen, wie einige unserer armen Mitreisenden uns mit ihren Koffern beladen entgegen geschnauft kommen. Unten wartet schon die Stadtführerin und da erfahren wir erst, dass einige Mitreisenden im Fahrstuhl feststecken. Aber unsere Führerin drängt, denn wenn wir noch die Kathedrale sehen wollten, müssten wir uns beeilen.
Mit einem ziemlichen Tempo laufen wir Maria hinterher, die uns in die Altstadt führt. Wir machen halt an dem Ufer der Somme. 35 km entfernt hat 1916 die Schlacht getobt, von der die Geschichtsbücher berichten, aber auch im II. Weltkrieg ist Amiens stark in Mitleidenschaft gezogen worden (etwa 70 %der Stadt zerstört). Die kleinen Handwerkshäuser, die am anderen Ufer so idyllisch wirken, sind erst wieder neu errichtet worden und Maria erzählt uns von den Hierarchien, die das Leben der Stadt Jahrhunderte lang beherrscht haben. Da gab es die Unterstadt, wo die Handwerker und Arbeiter lebten, und die Oberstadt, in der die herrschenden Chorherren residierten. Ihre Häuser scharen sich um die Kathedrale. Und es gab die Hierarchie des Wassers, was bedeutete, dass die „sauberen“ Handwerke, z. B. Bäcker und Fleischer, sich in Flussrichtung vor dem „schmutzigen“ Gewerbe (Gerber, Färber) ansiedeln durften. Erst mit der Revolution wurden diese Trennungen gegenstandslos. Steuern mussten alle zahlen und die richtete sich nach der Breite der Hausfassade. Wen wundert`s, dass man so baute, dass nur die Giebel sich nach der Straße richten. Aber man war bescheiden. Im Erdgeschoss ein Raum, wo die Geschäfte abgewickelt wurden, im 1. Stock, wo man wohnte und unterm Dach Lagerraum u. ä.. Mitten im Fluss eine Holzstatue, die ein Pendant an einer Häuserfassade hat, Symbolfiguren für das Oben und Unten.
Wir laufen nach oben, durchqueren die Parkanlage der Chorherren, die für die Instandhaltung verantwortlich waren (an dem Tag sind sie ziemlich nachlässig dieser Aufgabe nachgekommen) und stehen vor der größten Kathedrale Frankreichs (145 m lang, 42,30 m hoch, 40 m breit) - Notre Dame in Paris würde zweimal in sie hineinpassen.

Im Spiegelbild
Besucher aus Sachsen
Die Somme
Hannelore Duwe
Die Kathedrale
Maria aus Amiens

Kathedrale

Das 13. Jahrhundert ist geprägt von einem regelrechten Bauboom. Jede Stadt wetteiferte die höchste Kathedrale zu besitzen, die sowohl religiöses als auch urbanes Zentrum war. Sie galt auch als Ausdruck für den Wohlstand des Bürgertums. Nur in Beauvais, wo man noch höher hinaus wollte, stieß man an die statischen Grenzen der Gotik, dort brachen Bauteile weg, so dass heute nur der Chor steht.
Amiens war im Mittelalter ein Zentrum der Waidverarbeitung, einer Pflanze, die den begehrten blauen Farbstoff lieferte, der das teure fernöstliche Indigo ablöste. Die Stadt stand übrigens in einem harten Konkurrenzkampf mit Görlitz und Erfurt. Dieses Handelsgut machte die Bürger und die Chorherren reich, so dass sie sich diese imposante Kirche leisten konnten. Das Domkapitel war das reichste und größte Frankreichs. Amiens Kathedrale ist ein Musterbeispiel gotischer Baukunst. Die architektonische Dreigliederung ist innen und außen übereinstimmend. Wir treten durch eines der riesigen Portale ein und ich bin überrascht, dass der Innenraum, obwohl nicht erleuchtet, noch recht hell ist, auch wenn draußen schon die Dämmerung eingesetzt hat. Das liege an den hellen Fenstern, die man im Zuge der Aufklärung bei einer Restaurierung ersetzt habe, erklärt Maria. Im Fußboden ein kunstvolles Labyrinth, in dessen Mitte die Bildnisse des Bischofs und dreier Baumeister in einem Rondell eingelassen sind.

Eingangsportal
Gotik innen
Gotik außen
Kirchenfenster
Rossette
Labyrinth
Maria führt uns vor eine gewaltige Chorschranke, die mit Hochreliefs bestückt ist, die das Leben Johannes des Täufers erzählen, das uns Maria ausführlich beschreibt, so dass wir, als wir beim Köpfen angekommen sind, kaum noch etwas erkennen. Auch das Denkmal für einen Domherrn wird nicht ausgelassen, dessen eine Figur, „der weinende Engel“, traurige Berühmtheit auf den Postkarten der Soldaten im I. Weltkrieg erlangte. Auf der anderen Seite befindet sich die Geschichte des Hl. Firmian, der aus Pamplona kommend im 3. Jh. die Gegend missionierte. Durch einen Verrat wird auch er geköpft. Die Geschichte um einen nur regional bedeutsamen Heiligen diente der Rehabilitierung eines Bischofs im Hundertjährigen Krieg, deren nähere Umstände mir entgehen, weil es nun endgültig dunkel ist und Maria Zeichen von einem Herrn bekommt, dass er die Kirche schließen müsste.

Der Bischof
Chorschranke
Denkmal
Johannes der Täufer
Kirchenleben
Symbol für den Ersten Weltkrieg
Der weinende Engel
Symbol für den Ersten Weltkrieg

Vor dem Portal

Draußen vor dem Portal erklärt uns Maria das plastische Programm, wie es viele gotische Kirchen haben, sozusagen das Bilderbuch für Analphabeten und das waren um diese Zeit mit wenigen Ausnahmen fast alle. Im mittleren Portal steht die Botschaft Jesu von Sündenfall, Vergebung, Auferstehung und Jüngstem Gericht im Mittelpunkt. Im linken ist der Hl. Firmian noch einmal präsent und rechts der Themenkreis um die Madonna. Im unteren Teil des Gewandes sind medaillonartig eingefasste kleine Bilder zu sehen, die vom Leben der Bürger erzählen und die Form einer Waidblüte haben. Es gäbe noch so viel, aber nun ahnen wir mehr als wir sehen. Schnell ein paar Schritte in das ehemalige Domherrenviertel, wo noch einige Gebäude die Zeiten überstanden haben. Nicht überstanden haben die Kirche St. Nicolai, deren Umrisse nur noch durch farbig abgehobene Pflastersteine zu erkennen sind und die Kirche St. Martin, an deren Stelle ein Justizgebäude steht. Ein Relief, das aus dem 19. Jh. stammt, erinnert noch an die Mantelteilung des Hl. Martin, die in Amiens stattgefunden haben soll. Martin von Tours heißt er, weil er in dieser Stadt Bischof war. Bevor wir in das Viertel laufen, weist uns Maria auf einen großen Haken in der Mauer der Kathedrale hin. Es ist der Rest einer Absperrungsvorrichtung. Obwohl die Chorherren kein Keuschheitsgelübde ablegen mussten und bis 1185 sogar heiraten durften, wurde das Viertel ähnlich einem Kloster zugesperrt.

Adam und Eva
Könige
Portal
Kathedrale
Christus
Teufel

Abschlusessen

„Haben Sie noch Fragen?“ diese abschließende Floskel beantworten wir mit der Frage nach dem schnellsten Weg ins Hotel. Das ist keine Unhöflichkeit, denn Maria hat mir gut gefallen, sondern der Tatsache geschuldet, dass es wie aus Kannen zu regnen beginnt.
Wenn man nach Frankreich fährt, dann muss man auch als Pauschaltourist ein paar Worte über das Essen verlieren. In Amiens war es anspruchsvoll und ging doch zum Teil daneben.
Wir sitzen an drei langen Tischen und die Unterhaltungen werden entsprechend laut geführt. Als der erste Gang kommt, sinkt der Lärmpegel und wir machen uns über ein pikantes Gemüsetürmchen her, dass der Koch liebevoll verziert hat. Dieser Auftakt schien verheißungsvoll und der Anblick des Hauptganges lässt hoffen. Auf dem Teller liegt ein dickes Steak samt Beilage. Als mein Messer in das Fleisch schneidet und es nur mühsam vonstatten geht, werde ich noch nicht misstrauisch, Messer sind eben manchmal nicht scharf, aber als der erste Bissen im Mund landet, bekomme ich echte Schwierigkeiten. Verzweifelt mache ich Zerkleinerungsversuche, aber es ist unmöglich. Wie ein Gummiball rollt der Bissen in meinem Mund herum. Verstohlen schaue ich zu meinen Mitessern und stelle zu meiner teilweisen Erleichterung fest, dass ich nicht die Einzige bin, die sich in einen zahnlosen Tiger verwandelt hat. Ob das Fleisch zu blutig gebraten oder von einem besonders alten Ochsen war, wer kann es wissen. Notgedrungen gehen fast alle Teller mit erheblichen Resten, die von ähnlichen Versuchen zeugen wie der meine, zurück. Es scheint auch nicht mehr viele Möglichkeiten zu geben, einen gewisser Grad der Sättigung bei diesem Abendessen zu erreichen. Und dann kommt die Nachspeise. Ein wundervolles, großes Stück Schokoladentorte enthebt mich der Sorge, mit knurrendem Magen die letzte Nacht in Frankreich zu verbringen. Ende gut, alles gut. Wir fallen in unsere Betten. Auch das ist erwähnenswert, es sind keine Decken, dank den weiter nördlichen Schlafgewohnheiten und der Regen, der an die Fenster klopft, tut ein Übriges, dass ich herrlich schlafe.





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