NordirlandNordirland hat viel Natur und Politik zu bieten.
Sankt – Patrick – Day Dienstag, 13. 10.2010Heute also Heiligenlegende satt. Unterwegs erzählt uns Jutta die Vita des Heiligen. Als Kind gekidnappt, überlebt er sein Sklavendasein durch die Kraft seines Glaubens. Als er nach Wales und später nach Gallien flüchten kann, erwirbt er genügend Erfahrungen und Wissen, dass er, als er nach Irland zurückkehrt, durch diplomatisches Geschick den Druiden eines keltischen Hochkönigs vom christlichen Glauben überzeugen kann. Die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes soll er übrigens anhand eines Kleeblatts erklärt haben und so ist auf diese Weise diese Pflanze zum inoffiziellen Emblem Irlands geworden. Bald findet er Anhänger, gründet Klöster und missioniert im ganzen Land. Aus dieser Bewegung erwuchs eine Missionierungswelle, die sich auf ganz Europa ausbreitete, zum Beispiel das berühmte Kloster Sankt Gallen ist eine solche irische Gründung. Die Klöster waren oft Ausgangspunkte für Städtegründungen, die dann wiederum häufig Opfer von Raubzügen der Wikinger wurden. Verbreitet wurde auch die lateinische Schriftsprache, denn die Kelten hatten nur ihre Keilschrift. In dieser Zeit entstanden auch die Kreuzformen, bei denen das keltische Sonnensymbol eine Symbiose mit dem christlichen Kreuz einging. Solche Kreuze finden sich auch bei unserem ersten Halt, Monasterboice. Es ist ein alter Friedhof auf dem Gelände eines Klosters, von dem noch der typische Rundturm steht. Oft war er der lebensrettende Schutz bei den Wikingerüberfällen, denn der Eingang liegt ziemlich hoch, so dass man, wenn man die Leiter hochgezogen hatte, relativ unerreichbar war. Die mehrere Meter hohen Kreuze stehen nicht auf Gräbern, sonders sind Gedenksteine. Nur mit viel Phantasie kann man die von Flechten überzogenen Reliefs erkennen, auf denen verhutzelte Gestalten verschiedene Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament darstellen. Es ist neblig und feucht, die richtige Stimmung für diesen Ort. Wie im ganzen Land ist auch dieses Gelände von einer Steinmauer umgeben, deren Abschluss von scharfkantig gezackten, grobbehauenen Steinen gekrönt wird

Unsere zweite Station dieses Tages ist Downpatrick. Hier sollen unter einem großen Findling die Gebeine von St. Patrick liegen und durch eine wundersame Fügung auch die der anderen beiden Heiligen, Columcille und Bridget. Die Wikinger, wer sonst, sollen die Gebeine geraubt und bei der Überfahrt auf See verloren haben, ausgerechnet in Downpatrick sind sie angespült und angemessen bestattet worden. Dass der Glaube der Menschen an dieser Geschichte fest hält, zeigen die frischen Blumen auf dem schlichten Stein. Vermutlich ist das Grab Patricks allerdings irgendwo unter der Kathedrale von Down. Die Stadt hat für die Pilger ein ganzes Besucherzentrum errichtet, in dem Filmvorführungen stattfinden und natürlich diverse Devotionalien zu erwerben gibt, alles auf Englisch, so dass ich nach einem kurzem Rundgang draußen eine Gruppe von Schülern in Schuluniform beobachten kann. Obwohl es nicht wirklich kalt ist, jagen mir die nackten Beine einen Kälteschauer den Rücken hinunter. Es sieht so aus, als seien sie auf einer Exkursion, denn sie laufen mit Blättern herum und bei einigen kann ich eine Zeichnung von Eingangspforten erkennen. Bei dieser Gelegenheit erzählt uns Jutta, dass die Kinder schon ab dem 5. Lebensjahr eingeschult werden können. Kinderbetreuung sei sehr teuer, so dass die Eltern interessiert daran sind, sie möglichst bald in der Schule aufgehoben zu wissen.
Unser letzter Halt ist Inch Abbey, eine malerische, inmitten von samtweichem Rasen irgendwo außerhalb der Stadt stehende Ruine. Von Zisterziensern gegründet, fiel auch sie der Reformation zum Opfer und ist jetzt ein schönes Fotomotiv.
Wir fahren an weidenden Kühen und Schafen vorüber, die, so sagt Jutta, nur dann von der Weide geholt werden, wenn sich der Boden erholen soll und nicht etwa, um die Tiere vor Kälte zu schützen. Für eine Weile verlassen wir die irische Republik und fahren nach dem zu England gehörenden Nordirland.

Belfast. Wir fahren durch die Straßen der Stadt und erhaschen kurze Eindrücke. Sie sieht „städtischer“ als Dublin aus. Hochhäuser im Zentrum und ein geschäftiges Treiben fluten an uns vorüber. Repräsentativbauten aus dem 19. Jh. zeigen die Präsenz Großbritanniens, das diese Stadt als Vorposten für die Irlandpolitik besonders förderte. Die Kehrseite der Medaille war, dass Belfast als Teil des britischen Reiches im II. Weltkrieg besonders stark zerstört wurde. Auch während des „big troubble“, also den Bürgerkrieg ähnlichen Kämpfen der 70er Jahre litt Belfasts Stadtarchitektur. Übrigens ist Bill Clinton, dessen Familie nordirische Wurzeln hat, an dem darauffolgenden Friedensprozess beteiligt gewesen und die USA stifteten einen Friedensfond für den Aufbau Belfasts.
Wir besuchen die Universität, einen mehrflügligen Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert. Wieder diese unglaublich grünen Rasenflächen, an dessen Rändern Rosen in voller Blüte stehen. Wir dürfen schnell einen Blick in die Große Halle werfen, die von einer imposanten Holzdecke überwölbt wird. Bei der Rückkehr zum Bus laufen wir durch den botanischen Garten, dessen Gewächshaus an die Bauweise des Kristallpalastes erinnert, der zur Weltausstellung in London von Prinz Albert initiiert wurde. Wir fahren durch Straßenzüge, die immer noch von dem irischen Konflikt gezeichnet sind. Hohe Steinmauern, gekrönt von Stacheldraht, hinter denen sich die Häuser verbarrikadieren. Auf den Mauern die Wandmalereien, die die politischen Themen vergangener und gegenwärtiger Ereignisse darstellen, gemalt von Amateuren, aber in ihrer Ursprünglichkeit berühren. Im Vorüberfahren sehe ich Picassos „Guernica“, dann ein Bild, das sich mit der Mauer in Israel beschäftigt, die die Palästinenser ausgrenzen soll und eine Aufforderung zum Hungerstreik. Das Viertel ist „berühmt“ für seine Klinik, die sich auf Kniedurchschüsse spezialisiert hat. Diese Schussverletzungen waren wohl bei den Straßenkämpfen ein probates Mittel den Gegner außer Gefecht zu setzen, ohne ihn gleich zu töten. Trotzdem hat es viele Opfer gekostet und obwohl ein Friedensprozess im Gange ist, flackern immer wieder Unruhen auf, bei denen vor allem Jugendliche auf diese Weise gegen soziale Ungerechtigkeit protestieren. Noch immer sind die Wohnviertel getrennt, wenn auch die Eingänge dahin offen stehen. Nach wie vor sieht man, wo die ärmeren, meist katholischen Viertel liegen und die gepflegteren protestantischen.
Wir fahren an dem Titanic- Monument vorbei. Dass das Unglücksschiff in Belfast gebaut wurde, wusste ich nicht und der Bank von Irland, die einmal den größten Bankraub von 25 Millionen Pfund verkraften musste, aber ein geniale Lösung fand, diesen Verlust wettzumachen . man druckte neue Scheine, so dass die der Bankräuber ungültig wurden.
Der Bus fädelt sich durch ein hohes, verziertes Tor und erklimmt die Straße, die zum Parlamentsgebäude Nordirlands führt, das hoch über einer weiten gepflegten Anlage thront. Man ist beeindruckt, wie hier durch Weite Distanz geschaffen wird. Nochmal kurz aussteigen, fotografieren und ab geht es ins Hotel „La Mon“, in dem bequeme Zimmer und eine relativ gute Nacht auf uns warten.

Nordirlands Superlative – der älteste Whiskey und die Trittsteine des Riesen
Es gibt eine Programmänderung. Anstatt uns abends mit Whiskey abzufüllen, sollen wir schon am Vormittag die von Alkohol geschwängerte Luft der Bushmill – Brennerei schnuppern. Nach der gestrigen Magenattacke werde ich sehr vorsichtig sein. Wir fahren noch einmal durch das morgendliche Belfast. Ein gelber Schulbus kommt uns entgegen, der Verkehr hält sich in Grenzen. Nebelschwaden und die Herbstfärbung unterbrechen das ewig scheinende Grün. Unter den Harfenklängen von Carolan erhaschen wir einen Blick auf den am Horizont liegenden Bergzug des Cave Hill, dessen Silhouette von einem bestimmten Blickwinkel aus ein Gesicht bildet, das Swift zu seines Politsatire „Gullivers Reisen“ angeregt haben soll. Ich zolle dem Anblick meine Bewunderung, die sich weniger auf diese natürliche Zufälligkeit erstreckt, sondern eher auf die Phantasie der Iren. Wir nähern uns wieder dem Meer und immer wieder bin ich erstaunt in den Anlagen der Orte und Gärten Palmen zu sehen, die so gar nicht an diesen Breitengrad zu passen scheinen und ein Geschenk des Golfstroms sind. In der Bushmill – Brennerei werden wir in drei Gruppen geteilt. Eine, die kein Wort Englisch spricht, die zweite, die es ein bisschen kann und die dritte, die die Sprache beherrscht. Mir ist es egal, da mir das Produkt gefällt, die Herstellungsweise mich aber wenig interessiert, wer kennt nicht die alkoholische Gärung.
Unser Cicerone heißt Tom und ist ein älterer Herr mit graublonder Restlockenpracht und einer Figur, die ihre Rundungen nicht nur vom Whiskeygenuss, sondern bestimmt auch vom guten Essen hat. Er schaut sehr freundlich und hat eine sonore Stimme. Irmgard soll bei Unverständlichkeiten nachfragen und sie bittet ihn „slowly“ zu sprechen. Das tut er dann auch, aber kaum einer fragt nach. Man sieht sich die Anlagen an, überwindet einige Temperaturstürze und erblickt eigentlich kaum einen Arbeiter, nur bei den Fässern poltert einer laut herum, als Alibi sozusagen. Die Tour endet in der Gaststätte, wo keine Verkostung stattfindet, sondern jeder darf sich aus drei Sorten eine Probe auswählen. Trotz ängstlicher Vorbehalte, mir ist sie bekommen. Dann wird das Gewicht des Gepäcks noch um einige Flaschen bereichert und wir sitzen wieder im Bus.

Wir fahren einer der schönsten Küstenstraßen entlang, die Küste von Antrim. Leider sehe ich nur durch Halsverrenken etwas davon, ich sitze auf der falschen Seite. Wir nähern uns Nordirlands kühnstem Naturkunstwerk, Giant`s Causeway, das der UNESCO ein Weltnaturerbetitel wert war. Es sind ca. 40 000 Basaltsäule im und am Meer, die ein Vulkanausbruch vor 60 Millionen Jahren durch plötzliche Abkühlung hervorgebracht hat. Nach der Meinung irischer Legendenschöpfer war es aber Finn Mac Cool, ein Riese, der sich in eine Dame im gegenüberliegenden Schottland verliebt hatte, der eine feste Unterlage brauchte, um zu ihr zu kommen. Es ist ausgesprochen einleuchtend, dass bei einer solchen Unternehmung Standsicherheit gewährleistet sein muss.
Um zu diesem Wunder zu kommen müssen wir von den etwas höhergelegenen touristischen Einrichtungen ein bisschen laufen. Von weit oben sieht man zunächst viele dunkle Steine am Ufer, so als hätte jemand einen riesigen Kohlenhaufen entlang des Ufers gestreut. Erst beim Näherkommen erschließen sich die Basaltformationen in unterschiedlicher Form, Größe und Ausdehnung und das Herumklettern ist ganz schön mühselig.

Carrick –a –reed – robe – BridgeDie nächste Attraktion liegt einige Kilometer weiter und auch am Meer. Die Carrick –a –reed – robe – Bridge. Es ist eine kleine Hängebrücke, die eine vorgelagerte Felseninsel mit dem Festland verbindet. Bevor wir uns auf die 1km – Wanderung machen, müssen wir entscheiden, ob wir über die Brücke gehen wollen. Wenn ja, dann ist ein Obolus zu entrichten. Ich verzichte. Beim Anblick dieser Schaukel wird mir klar, weshalb es zu dieser Vorentscheidung kommen muss, dass man sein Pfund im Voraus bezahlen sollte. So manch ein sparsamer Wanderer hätte es sich dann nämlich anders überlegt. So genießen wir die Aussicht aufs Meer.
Wir fahren unserem nächsten Übernachtungsort entgegen, Letterkenny.
Dabei streifen wir Londonderry, das bei den katholischen Patrioten eher nur Derry genannt wird und eine traurige Berühmtheit erlangt hat. In dieser Stadt hatten die bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen ihren Anfang genommen, aber auch die Friedensverhandlungen begonnen.
Mit diesem Tag verlassen wir Nordirland.
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