Der Nordwesten von Irland ist ein Land voller Magie und Geheimnisse.





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Nordwestirland

Der Nordwesten von Irland ist ein Land voller Magie und Geheimnisse.


Donnerstag, 15. 10.2010

Verwunschenes Schloss und Gräberkultur

Jutta verspricht uns ein Märchenschloss, ein Glück, dass die anderen vorgeschlagenen Alternativen nicht durch die Abstimmung kamen, u.a. Stadtbummel, ich weiß nicht mehr, wo. Es liegt im Nationalpark Glenveagh und verdient diesen Namen mit Recht.
Glenveagh ist ein abgeschiedenes Tal und soll es nach dem Willen der Naturschützer auch möglichst lange bleiben. Im Tal erstreckt sich ein See, in dessen ruhigem Wasser sich die bräunlichen Berge spiegeln. An einem Teil der Uferregion ließ der Gutsbesitzer George Adair um 1870 Glenveagh Castle aus grob behauenen Granitblöcken erbauen. Und wäre nicht der idyllische Ort mit einem wundervollen Park, dann würde sich der Betrachter unwillkommen fühlen. Wahrscheinlich war das durchaus gewollt, gehörte doch der erste Besitzer zu denen, die Mitte des 19. Jh. ihre Pächter gnadenlos vom Land vertrieben, wenn sie verschuldet waren. Seine Frau dagegen ist allerdings als gütig und großzügig in Erinnerung geblieben. Nach ihrem Tod verwahrloste das Anwesen und wurde schließlich 1929 von einem Professor der Harvad – Universität gekauft. Um ihn ranken sich mysteriöse Geschichten, denn er verschwand 1933 bei einer Exkursion auf Inishbofin Island.
Der letzte Besitzer war der Amerikaner Henry Mc llhenny aus Philadelphia. Die Einrichtung des Schlosses zeigt noch den Lebensstil dieser oberen Gesellschaftsschicht am Anfang des 20. Jh. Heute ist es Staatsbesitz.
Da es keine deutschsprachige Führung gibt, bekommen wir ein paar Blätter in die Hand gedrückt und abwechselnd liest einer vor, während unsere Begleitung sich auf hinweisende Gesten beschränkt. Die Führung beginnt in einem weißgetünchtem Vorraum, an dessen Wänden mit kleinen Muscheln Ornamente gelegt sind, die ebenfalls weiß sind und so einen interessanten Effekt ergibt. Dort steht auch ein bequemer Stuhl, der sich als Personenwaage entpuppt, auf der die Gäste des Hauses vor und nach ihrem Besuch gewogen wurden.

NordwestirlandNaturGlenveagh

Creevykeel

Wer abnahm, musste noch dableiben - ? Dann werden wir in den Aufenthaltsraum geführt. Alles. was eine Fläche hat, ist verziert – von der Blumentapete über Möbelintarsien bis zu Teppich und Bezüge. Ein Spiegel ist in Kniehöhe angebracht, damit die Damen kontrollieren konnten, ob der Rocksaum sittsam und sauber ist. Vor dem Kamin steht ein kleiner Schild in Gesichtshöhe, auch das ein Service für die weiblichen Besucher, denn er schützte das auf Wachs beruhende Makeup. Der Lesesalon wurde auch für Spiele genutzt, denn auf einem kleinen Schreibtisch liegen noch vergilbte Seiten, auf denen die Canasta – Runden verzeichnet wurden. Daneben Formulare für Telegramme – New York cable. Das Schlafzimmer wird von einem schwarzem Marmorkamin und einem Baldachinbett beherrscht. Ein kupferner Bettwärmer und ein Klingelzug zeugen von Luxus. Vor dem recht hohen Bett steht eine kleine Truhe, die eigentlich eine Fußstütze ist, damit man bequem in die Kissen kam. Der Nebenraum ist ein Bad, das mit allem, was auch heutiger Standard ist, ausgerüstet ist, vielleicht haben wir keine venezianischen Kristallleuchter, Bilder und breite Ankleideschränke in den unseren. Die im oberen Stockwerk liegenden Gästezimmer lassen keine Wünsche offen – in einem soll Greta Garbo übernachtet haben. Es gibt französische, italienische und indische Zimmer für die Gäste, die mit entsprechendem Dekor und Mobiliar versehen sind. Die Wände in einem der Treppenhäuser sind mit handgewebten indischen Kattunen ausgeschlagen.
Männliches und weibliches Personal wurden übrigens in der viktorianischen Ära weit voneinander untergebracht. Dann spazieren wir in dem fast exotisch anmutenden Park umher und genießen den wunderbaren Kontrast, der durch die kargen Berge am gegenüber liegenden Seeufer und der Üppigkeit der nach Themen geordneten Gärten entsteht. Übrigens gehört auch ein Nutzgarten dazu, musste er doch neben frischem Gemüse auch 72 Blumengestecke liefern, die farblich abgestimmt auf die vielen Räume regelmäßig verteilt wurden.
Wir fahren weiter und werfen einen Blick auf Donegal Castle, aber mehr Zeit als für ein Foto bleibt nicht.
Dann hält der Bus plötzlich und wir erblicken auf der anderen Straßenseite einen weit verstreuten Steinhaufen, der sich als neolithisches Ganggrab entpuppt. Derartige 3- bis 4 – tausend Jahre alte Zeugnisse menschlicher Besiedlung gibt es eine Reihe in Irland, wenn wir auch keine Menhire gesehen haben, die häufig die Werbeflyer der Tourismusbranche schmücken. Unsere alten Steine sind schön geordnet, so dass man noch die ursprüngliche Struktur des Grabes erkennen kann, in dem man die Asche von fünf Menschen gefunden hat. 52 Menschen gehen und klettern das Grab ab und suchen den besten Standpunkt, wie man Steine möglichst spektakulär ins Bild bringt.

CreevykeelIrlandSteinzeit

Drumcliffe

Wenige Kilometer vor Sligo (sprich: Sleigo), unserem Tagesziel, machen wir noch einmal Halt und besuchen das Grab von William Butler Yeats, der in Drumcliffe begraben ist. Auf eigenen Wunsch wollte er in dem für ihn und Irland beziehungsreichen historischen Ort begraben werden. Sein Urgroßvater hat in der Kirche gepredigt und der Ort ist mit der Geschichte des zweiten Nationalheiligen Columcille verbunden, von dem uns Jutta auf der Fahrt erzählt.
Das Grab ist sehr schlicht und unauffällig, nur außerhalb der Kirchhofmauer ist ein Denkmal, eine in den Boden eingelassene Bronzeplatte, auf der ein Gedicht von Yeats zu lesen ist und davor die kauernde Gestalt eines jungen Mannes. Übrigens ist auf einem kleinen Pfeiler das Gedicht auch in Blindenschrift zu finden.
Mit Columcille ist übrigens der erste Copyright – Streit verbunden. Der spätere Heilige hatte ein kostbares Buch abgeschrieben und wurde daraufhin verklagt, die Kopie zurückzugeben. Die Gegenklage wurde abgewiesen, mit der Begründung Buch und Kopie gehörten zusammen wie Kalb und Kuh. Das führte sogar zu kriegerischen Auseinandersetzungen, bei denen 1000 Menschen gestorben seien. Zur Buße wollte Columcille 1000 Heiden zum Christentum bekehren, damit begann wohl seine Erfolgskarriere als Heiliger.

DrumcliffeGrabWilliam Butler Yeats

Von einem berühmten Schriftsteller und einem armen Land Freitag, 16. 10.2010

Als Heinrich Böll in den 50er Jahren auf einer abgelegenen Halbinsel in Irland ein einfaches Cottages mietete und dann mit der Familie immer wiederkam und darüber sein „Irisches Tagebuch“ schrieb, hatte er sich wohl nicht träumen lassen, dass dieser Platz mal ein touristischer Anziehungspunkt werden sollte.
Achill Island ist an diesem Tag auch unser Ziel.
Unterwegs bekommen wir noch einen Crashkurs in irischer Geschichte der Gegenwart. Als armes Land im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern galt Irland noch in den 70er und 80er Jahren. Erst als die Irische Republik 1972 in die EU eintrat, besserten sich die wirtschaftlichen Bedingungen. Davor galt es nach wie vor als traditionelles Auswandererland, hatte eine schlechte Infrastruktur, die regierenden Parteien waren eher alle konservativ.
Anfang der 90er wendete sich das Blatt. Die EU – Subventionen begannen zu fruchten, man investierte in die junge Bevölkerung, ausländische Konzerne wurden durch eine geringe Körperschaftssteuer und gut ausgebildete Fachkräfte angelockt. 1995 nahmen die Arbeitsplätze explosionsartig zu, ein höherer Lebensstandard wurde erreicht und der Anteil an Ausländern stieg auf 11%. Das dicke Ende allerdings kam mit der Bankenkrise 2009. Aufgrund eines künstlich aufgebauschten Immobilienmarktes geriet die Wirtschaft besonders unter Druck. Vor allem, wenn man weiß, dass man in Irland schlecht zur Miete wohnen kann und alle möglichst ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung anstreben, seien sie auch noch so bescheiden. Da die Immobilienpreise stürzten, sind die Eigentümer in besonderen Nöten, wenn sie noch Bankkredite abzahlen müssen, die manchmal eine Laufzeit von 40 Jahren haben. Es kann sein, dass man 100 000 Euro Kredit hat, die Bleibe aber um die Hälfte des Werts gesunken ist. Selbst wer verkaufen müsste, steht am Ende mit einem Berg Schulden da. Da auch der Arbeitsmarkt weggebrochen ist, haben viele Leute jetzt viele Probleme.

Achill IslandWildWeite

Turlough

Wir fahren wieder an weiten Grünflächen mit den typischen Mauern als Begrenzungen vorbei. Selten ist das Land bestellt, meist grasen Schafe darauf. Wir sehen auch wieder den Atlantik, diesmal bei Ebbe und irgendwo unterwegs steht eine malerische Ruine mit recht beeindruckendem Turm, das Castle of Grainnle (sprich:Gronja), das einer Piratenkönigin gehört haben soll. Was für ein Stoff für Legenden!. Unser erster Zwischenstopp ist das Nationalmuseum für irische Volkskunde auf dem Gelände eines ehemaligen Herrensitzes. Im Haus selbst gibt es nur zwei Gesellschaftsräume zu besichtigen, vielleicht um den Abstand deutlich zu machen, der zwischen dem Leben der Herren und dem des Volkes geherrscht hat, das man dann in einem modernem Museumsbau betrachten kann. Die Ausstellungsgegenstände und Fotos, die thematisch geordnet sind, zeugen von Jahrhunderte langer Armut. Da werden Alltagsarbeiten wie Torf stechen und Tang trocknen ( zum Düngen) gezeigt oder ein Brautkleid, Strohflechtereien, die traditionell zum Tag der Heiligen Bridget angefertigt werden oder ein alter abgenutzter Hurlingschläger. Viel Holz, viel Stroh – überall springt dem Betrachter die Armut und die Schwere des Broterwerbs entgegen.


TurloughAltes IrlandNeues Irland

Deserted Village

Nicht sehr viel anders wird es Böll auch noch erlebt haben. Und so beschreibt er zwar die Anmut und Kargheit des Landes, aber auch das Leben der Menschen. Eines der Kapitel seines „Tagebuchs“ beinhaltet die Entdeckung des verlassenen Dorfes, an dessen einstige Bewohner sich nicht einmal die Ältesten, die er fragen kann, erinnern. Vermutlich gehörten sie zu den Menschen, die Mitte des 19. Jh. wegen der Hungersnot gezwungen waren, auszuwandern. Seit Böll ist auch schon wieder ein halbes Jahrhundert vorbei gegangen und die Reste der Hausmauern sind noch mehr zusammengestürzt und von Gras überwuchert. Das Dorf liegt am Hang eines von braunen Gräsern bedeckten Berges und ist von weitem gar nicht als menschliche Siedlung zu erkennen. Erst als sich der Bus auf der schmalen Straße mühevoll näher gequält hat, kann man die mehr oder weniger verfallenen Ruinen sehen. Wir klettern dazwischen herum, fotografieren und versuchen ein paar Geschwister von Shaun, dem Schaf, mit auf die Linse zu bekommen. Ich steige über die niedrige Mauer des Hauses und schreite den Innenraum ab – 9 mal 5 Schritte – das war der Platz für eine vielköpfige Familie, manchmal auch noch für die Tiere. Um die Häuser herum stehen noch die Begrenzungsmauern der dazu gehörenden Felder, auf denen man das Hauptnahrungsmittel, die Kartoffeln, anbaute. Ich glaube, das waren die ersten Trümmer, die von der Armut und nicht von vergangenem Glanz der Bewohner erzählen, denen soviel Aufmerksamkeit geschenkt wurde.
Der nächste kurze Halt ist vor dem Haus Bölls. Ein Schild weist auf die private Atmosphäre des Anwesens hin, das begabte Schriftsteller ein Vierteljahr bewohnen dürfen. Nun ja, zwei Drittel der Businsassen steigen aus und ignorieren kurzerhand für eine Weile diesen Wunsch. Irgendwann unterwegs weist uns Jutta auf ein Bergmassiv hin, das weit am Horizont liegt und der heilige Berg der Iren ist, Croagh Patrick. Am letzten Sonntag im Juli findet eine Wallfahrt statt und je nach Intensität des Wunsches an den Heiligen oder des Glaubens geht man beschuht oder auch nicht nach oben. Dort soll der Heilige solange gefastet haben, bis es ihm der Erzengel Gabriel persönlich verboten hat. Er soll auch mit einem Glöckchen alle Schlangen angelockt haben, die sich dann betört beim letzten Ton in das Meer gestürzt haben sollen. Seitdem gibt es auf der Insel keine sich schlängelnde Kriechtiere. Wirklich nicht!
Wir machen noch einen kurzen Stopp in Westport, einem hübschen Städtchen mit bunten Fassaden und Auslagen in den Schaufenstern, die zeigen, dass Halloween eine keltische Tradition ist. In Castlebar, unserem Übernachtungsort, haben wir etwas Zeit und gehen auf eine kurze Einkaufstour, Futternachschub holen. Das dort erstandene Brot war für mich nach einer Kostprobe erledigt, Irmgard hat da etwas tapferer durchgehalten.

Deserted VillageUnterwegsSchafe überall


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